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Panelbericht: Turning Points in Debating the Human Environment: Interactions between Science and Society

Autor / Autorin des Berichts: 
Michael Flütsch
michael.fluetsch@unibe.ch
Universität Bern

Citation: Flütsch, Michael: Panelbericht: Turning Points in Debating the Human Environment: Interactions between Science and Society, infoclio.ch-Tagungsberichte, 12.07.2022. Online: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0247>, Stand: 04.12.2022.

Verantwortung: Matthias Schulz / Dania Achermann
Referierende: Dania Achermann / Amalia Ribi-Forclaz / Richard Schweizer

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Wissenschaftliche Erkenntnisse aus verschiedenen Fachgebieten hätten in den vergangenen Jahr­zehnten eine steigende Beachtung in politischen Kreisen gefunden, bemerkte MATTHIAS SCHULZ (Genf) einleitend ins Panel. Dieses griff auf das Konzept von epistemic communities nach Peter M. Haas zurück, um die Auseinandersetzung zwischen Gesellschaft, Politik und eben diesen Gemein­schaften zu beleuchten und deren Bedeutung für einen massgeblichen sozialen und politischen Wandel in der «Ära der Ökologie» (Joachim Radkau) zu diskutieren.
 
DANIA ACHERMANN (Bern) eröffnete ihre Ausführungen, indem sie betonte, welche enorme Bedeu­tung die Erkenntnisse aus der Eisbohrkern-Forschung hatten, um ein verstärktes Bewusstsein und Verständnis für das Klima in Politik und Gesellschaft zu entwickeln. Dies illustrierte sie anschaulich am bekannten hockey stick graph, der Klimaanomalien und die globale Erwärmung besonders an­schaulich verdeutlicht. Eine bedeutende Datenquelle dazu waren Resultate aus der naturwissen­schaftlichen Untersuchung von Eisbohrkernen.

Die Referentin erläuterte in der Folge, wie die politischen Umstände in der Schweiz, Dänemark, aber auch den USA die Erkennung und Auswertung dieser klimawissenschaftlich äusserst bedeutenden Datenquelle erst möglich machten. Die 1950er Jahre seien von einem hohen Vertrauen in Technolo­gie und Wissenschaft geprägt gewesen. Aufgrund der erheblichen Innovationen, die insbesondere im nuklearen Bereich erfolgt waren, herrschte in der Schweiz eine grosse Bereitschaft, in die Nukle­arforschung zu investieren. Von diesen Geldern profitierten allerdings oftmals auch benachbarte Be­reiche im Feld der Physik.

Unter diesen Vorzeichen gelang es Hans Oeschger (1927-1998), an der Universität Bern eine Methode zu entwickeln, um das Alter von organischem Material mittels Radiokarbondatierung sehr exakt zu bestimmen. Diese Methode sei bald auf das Interesse von Forschenden aus den Bereichen der Ar­chäologie und der Prähistorik gestossen, da diese sich daraus eine Möglichkeit zur präzisen Datie­rung ihrer Fundobjekte versprachen. 1956 wurde in der Folge ein SNF-Antrag für die Einrichtung ei­nes Labors für Radiokarbondatierung bewilligt.

Wie Achermann betonte, konnte die Schweiz schon damals auf eine ausgeprägte Tradition im Be­reich der Glaziologie zurückblicken. Schliesslich wurde Oeschger angefragt, an Schnee- und Glet­scherstudien vor Ort in Grönland teilzunehmen. Der Däne Willi Dansgaard (1922-2011), der Sauerstoff-Isotope in Schnee- und Regenproben untersuchte, erhielt auf Anfrage Eisproben aus dieser Expedi­tion. Damit habe eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen dänischen und schweizerischen For­schenden begonnen.

Erste Warnungen vor einer Klimaerwärmung hätten zuerst in den USA Fuss gefasst. Sogenannte cli­mate models wurden zum dominierenden research tool. Zur Beschaffung weiterer Datenquellen wur­den schliesslich erheblich höhere Geldbeträge für Eisbohrungs-Missionen auf Grönland gespro­chen. Die Referentin erläuterte die bedeutende Rolle der auf Grönland etablierten militärischen Inf­rastruk­tur des dänischen NATO-Partners USA. Hier klang bereits ein wichtiger Punkt ihres Fazits an: die zentrale Bedeutung des Kalten Krieges für die Entwicklung und Entfaltung der modernen Eis­bohr­kern-Forschung und damit die Erlangung wesentlicher Erkenntnisse für Politik und Gesellschaft in Bezug auf die Klimageschichte.

Weiter Untersuchungen in den 1970er und 1980er Jahren ermöglichten dann schliesslich immer um­fassendere Untersuchungen, in denen etwa tiefere Bohrkerne entnommen wurden. Als epistemische Konsequenz trat schliesslich vor allem der enge Zusammenhang zwischen Temperatur und CO2 zu­tage. Ausserdem schärfte sich das Bewusstsein dafür, dass das Klima sich rasch verändern kann und gleichsam als ein globales System zu denken ist.
 
AMALIA RIBI-FORCLAZ (Genf) beschäftigte sich im zweiten Beitrag mit der Rolle von internationalen Organisationen im Zusammenhang mit dem Einsatz von Pestiziden. Sie bot einen informativen Ein­blick hierzu, wobei der Schwerpunkt auf den Debatten der 1950er und 1960er Jahre lag. Die bisherige umweltgeschichtliche Historiografie war gemäss Ribi-Forclaz geprägt durch die Fokussierung auf den Rachel Carlson moment 1962, der ein neues Umweltbewusstsein erst geschaffen habe. Sie stellte dies in Zusammenhang mit dem Pestizideinsatz infrage und konstatierte, dass etwa norwe­gische Bienenzüchter bereits in den 1930er Jahren dessen negative Auswirkungen festhielten.

Es stellt sich daher die Frage, wann erste Regulierungsbestrebungen diskutiert und die Thematik als internationales Problem erkannt wurde. Die Referentin zeichnete in der Folge nach, wie ab 1949 erste Krankheitsbilder beschrieben wurden, die womöglich mit dem Einsatz von Pestiziden in Verbindung stehen. Untersuchungen der World Health Organization (WHO) und der International Labour Orga­nization (ILO) hätten aber vorerst vor allem die positiven Aspekte dieser Mittel betont. Allfällige ge­sundheitliche Schäden wurden als Anwendungsfehler abgetan.

Erst anfangs der 1960er Jahre anerkannte die Food and Agriculture Organization of the United Na­tions (FAO) grundsätzlich die Gefahren dieser Stoffe, so die Referentin weiter, wobei die Organisa­tion aber auf deren unverzichtbare Bedeutung für die Landwirtschaft hinwies und vor «überkriti­schen Stimmen» warnte. Ribi-Forclaz beleuchtete auch das aktive Lobbying für Pestizide und die Tatsache, dass die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) in den 1960er Jahren afrikanischen Staaten Geld für Pestizidkäufe zur Verfügung stellte.

Sie beendete ihr Referat mit einer Reihe von offenen Fragen, die künftig noch zu beantworten seien. Diese zielen etwa auf die Bedeutung von individuellen Akteuren und Expertinnen in der De­batte oder die Rolle von Pestiziden in den UN-Strategien zur Entwicklungshilfe im Zuge der Dekolo­nisationsbe­strebungen.
 
Abschliessend gab RICHARD SCHWEIZER (Genf) einen Überblick, wie sich die Debatte rund um das Menschrecht auf eine gesunde Umwelt, das 2021 in einer UN-Resolution festgehalten wurde, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt hatte. Er zeichnete nach, wie sich die ursprünglich getrennt gedachten Teilbereiche «Menschenrechte» und «Umweltschutz» im Verlauf des internati­onalen Diskurses zunehmend annäherten. Er interessiert sich primär für die Rolle von international lawyers in diesem Prozess. Dieser vollzog sich gemäss Schweizer über einen Zeitraum von etwa 50 Jahren, wobei er bedeutende Meilensteine in Konferenzen und Kolloquien verortet. So beispiels­weise in der UNESCO Biosphärenkonferenz 1968 oder in der Stockholm-Konferenz von 1972, in denen erstmals ein direkter Link zwischen den beiden Teilbereichen gezogen worden sei. In der Folge habe allerdings ein debate shift hin zu einer gesetzlichen Konzipierung stattgefunden. Diesen Prozess verortet Schweizer ab 1972 in verschiedenen Kolloquien der Academy of International Law in Den Haag. So habe 1978 etwa das Recht auf Gesundheit im Zentrum gestanden. Gleichzeitig gewann die Thematik durch den Austausch mit amerikanischen Gelehrten eine transatlantische Dimension.

Auch Schweizers Referat endete mit offenen Fragen, die er durch weitere Forschungen zu beant­worten hofft. Dazu zählt etwa die Reflexion über den tatsächlichen Einfluss der Academy of Interna­tional Law in Den Haag auf die Prozesse in Politik und Gesellschaft sowie die weitere Aufarbeitung des Engagements von international lawyers zur Etablierung des Menschenrechts auf eine saubere Umwelt.

Alle drei Referierenden haben die vielfältigen Bezie­hung von epistemic communities im Wechsel­spiel mit Politik und Gesellschaft illustriert. Dabei wurde deutlich, dass diese Beziehungen gerade angesichts der Debatten rund um den menschge­machten Klimawandel und die Biodiversitätskrise noch an Bedeutung gewonnen haben und dass eine vertiefte Erforschung daher mehr als angezeigt ist.



Panelübersicht:

Dania Achermann: Ice-Core Science, Society, and the Debate on Climate Change

Amalia Ribi-Forclaz, Corinna Unger (abwesend): Pesticides: Towards an International History

Richard Schweizer: International Lawyers and the Human Right to a Healthy Environment
 
 

Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts
tagen.

Event: 
6. Schweizerische Geschichtstage
Organised by: 
Schweizerische Gesellschaft für Geschichte und Université de Genève
Event Date: 
30.06.2022
Place: 
Genf
Language: 
d
Report type: 
Conference