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Panelbericht: Reste und Ressourcen. Regulierungen von Stoffströmen im 19. und 20. Jahrhundert

Autor / Autorin des Berichts: 
Markus Meier
markus.meier24@outlook.com
Universität Bern

Citation: Meier, Markus: Panelbericht: Reste und Ressourcen. Regulierungen von Stoffströmen im 19. und 20. Jahrhundert, infoclio.ch-Tagungsberichte, 12.08.2022. Online: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0282>, Stand: 03.12.2022.

Verantwortung: Nicolai Hannig / Julian Schellong
Referierende: Heike Weber / Julian Schellong / Gisela Hürlimann
Kommentar: Nicolai Hannig

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NICOLAI HANNING (Darmstadt) erklärte einleitend, dass alle Gesellschaften Ressourcen erschliessen, handeln, nutzen und entsorgen. Die Gewinnung, Verarbeitung wie auch Entsorgung seien Gegen­stand sozialer Aushandlung, wobei Knappheit und Überfluss gleichermassen entstünden. Das Panel beleuchtete verschiedene Formen der Regulierung, Verwaltung und politischen Gestaltung von Res­sourcen und Stoffströmen, wobei bisher weniger beachtete Ressourcen in den Vordergrund rücken sollten. Den Vorträgen zugrunde liege die Hypothese, dass unterschiedliche soziale Strukturen einen unterschiedlichen Umgang mit Ressourcen und vor allem deren Abfallprodukten gestaltet haben. Was eine Ressource ist und was nicht, sei historisch kontingent.
 
HEIKE WEBER (Berlin) betrachtete die Altstoffverwertung im Dritten Reich und wie diese zu einer Kreislaufwirtschaft hätte entwickelt werden sollen. Sie konzentrierte sich hierbei auf die Verände­rung der Resteverwertung durch den NS-Staat ab 1934/35 sowie insbesondere während des Zweiten Weltkriegs. Die Altstoffwirtschaft sei keineswegs vom Nationalsozialismus initiiert worden, sei aber von diesem vereinnahmt und ausgeweitet worden. So wäre in jenen Bereichen, in denen bereits Res­teverwertung stattfand, die Verwertungsquoten erhöht worden. Besonders die Verwertung militä­risch wichtiger Stoffe sei später Bestand der auf autarke Kreislaufwirtschaft erpichten expansionis­tischen und rassistischen Politik gewesen. Weber beschrieb, dass diese Autarkie fernes Wunsch­denken war und das Recycling im NS-Staat keineswegs höhere Quoten erzielte als andernorts auf der Welt. So sei Altpapier in den USA um 1930 zu 30% wiederverwertet worden, während Deutschland diese Quote erst kurz vor Kriegsbeginn erzielte.

Zentraler Punkt des Referats war der Lumpenhandel und die Wiederverwertung unterschiedlicher Lumpenstoffe. Stoffe hoher Qualität konnten beispielsweise in der Papierindustrie für den Druck von Banknoten verwendet werden, jene schlechter Qualität für Dachpappe. Für den Handel mit Altstoffen gab es umfassende Preislisten. Vor der Machtergreifung wurde der Altstoffhandel dezentral durch zahlreiche Müllsammler, Papiersammler, Altstoffhändler und dergleichen durchgeführt. Um 1940 war die Anzahl der Grossbetriebe zur Stoffverwertung um die Hälfte gesunken, aufgrund von Zentralisie­rung und der Auflösung jüdischer Betriebe. Kleinhändler wurden umgangen und die Vorsortierung der rund 400 unterschiedlichen Lumpensorten geschah direkt in grossen Sortierzentren. Die Samm­lung erfolgte durch staatliche Stellen, aber auch durch Schulen. Hinzu kam auch die Verwertung der Kleidung von KZ-Insassen. Dass die erhoffte Kreislaufwirtschaft Wunschdenken gewesen sei, macht sich dadurch deutlich, dass jedes «Recycling» ein «Downcycling» war. Lumpen konnten laut Schät­zung maximal 15% des Faserbedarfs abdecken. Zudem wurden während des Kriegs immer häufiger Zwangsarbeiter eingesetzt, die nicht über das nötige Know-how verfügten und angelernt werden mussten. Zudem verfaulten Lumpen zunehmend, da die Transportkapazitäten fehlten beziehungs­weise zerstört wurden.

Weber schloss damit, dass die NS-Recyclingökonomie langfristig betrachtet werden müsse und die Lumpensammlung ab 1950 ihr Ende fand. Die Propaganda des geschlossenen Stoffkreislaufs ent­sprach mitnichten der Realität, auch wenn die Recyclingquoten angehoben werden konnten.
 
JULIAN SCHELLONG (Darmstadt) beleuchtete den weltweiten Emissionshandel im 21. Jahrhundert und wie CO2 vom Treibhausgas zum Wertpapier verwandelt wurde. Er konzentrierte sich hierbei auf die Konzeption des Marktes für Emissionsrechte und wie diese durchgesetzt wurden. Zugrunde lag die Hypothese, dass der Markt erst durch die Erforschung von Emissionen und politisches Interesse entstanden sei.

Schellong stützte seine chronologischen Ausführungen auf drei Berichte, die für die Entwicklung zentral waren: Den Bericht der US-Umweltbehörde EPA von 1983, in dem über strenge Steuern auf fossile Brennstoffe nachgedacht wurde. Mit einem Ausstieg aus der Kohle bis zum Jahr 2000 könne so eine Erwärmung der Erde um 2°C bis 2055 hinausgezögert werden. Das Interesse am Be­richt blieb gering, zumal gleichzeitig Ronald Reagan den Abbau des Sozialstaates und Steuererleich­terungen vorantrieb. Es folgte der Brundtland-Bericht von 1987, der erstmals den Begriff der nachhaltigen Ent­wicklung definierte und auf den wiederum 1992 der als Rio-Konferenz bekannte Um­weltgipfel der Vereinten Nationen folgte. Im Kyoto-Protokoll wurden anschliessend Reduktionsziele auf Emissio­nen vereinbart, bei deren Nicht-Einhaltung Zahlungen an den Globalen Süden in einer Art «Ablass­handel» erfolgen sollten. Erkenntnisse der Geophysik und neoliberale ökonomische Theorien bilde­ten laut Schellong den Rahmen, in dem die Instrumente zur Emissionsreduktion konzipiert wurden, darunter auch den Emissionshandel. In abstrakter Form sei CO2 so von einem Treibhausgas zu einem fiktiven Wertpapier geworden. Die Klimapolitik wurde damit in die Entwicklungszusam­menarbeit eingegliedert. Schellong schloss damit, dass CO2 keinen Gebrauchswert habe. Der Handel mit Emis­sionsrechten solle dem Abfallprodukt CO2 einen Wert beimessen und damit den «Ablass­handel» möglich machen.

GISELA HÜRLIMANN (Dresden) ging auf die Verwendung von tierischen Produkten in unterschied­lichsten Industriezweigen im 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts ein. Sie stellte dabei den zu dieser Zeit neu entstandenen Grossschlachthof ins Zentrum, von welchem aus jegliche animalischen Stoffflüsse ihren Ursprung genommen hätten. Im Gegensatz zur vorindustriellen Verwendung tieri­scher Produkte, habe durch die Industrialisierung eine restlose Verwertung des ganzen Tieres ihren Anfang genommen. Durch neu entstandene Industriezweige und Produkte habe sich die Verwendung von animalischen Stoffen völlig verändert. Das Tier entwickelte sich zum Fleisch- und Rohstoff wie auch Wirk- und Werkstoff. Zudem fand diese Verwendung in bis dato unvorstellbaren Mengen statt, da sich die Tierbestände um ein Vielfaches erhöhten.

Hürlimann beschrieb, dass je nach Tier 50% bis 80% des Tieres als Fleisch verwertet wurde, der Rest wurde als Roh- oder Werkstoff verwendet. So wurde beispielsweise Rinderblut als Dünger ver­wendet und die Lederindustrie wuchs mit dem zusätzlichen Bestand von Rinderhäuten. Die riesigen Abfallmengen der industrialisierten Schlachthöfe machten neue Produkt-«Kreisläufe» notwendig. Schlechtes Fleisch wie durch Trichinen befallenes Schweinefleisch wurde so zur Produktion von Fet­ten, Seifen oder Lichtern verwendet. Zur Fett- und Talgschmelze wurden eigens Maschinen konzi­piert, wodurch sich die Industrialisierung des Sektors verdeutlichen lasse. Der Grossschlachthof als Ausgangspunkt bildete den Grundkörper für zahlreiche Industriezweige, die mit den gestiegenen Ab­fallmengen entwickelt und vergrössert wurden. Zum Schluss hob Hürlimann nochmals hervor, dass Nutztiere eine Ressource seien, die für viel mehr als lediglich die Fleischproduktion dienten. Sie seien ein essenzieller Bestandteil der Rohstoffgeschichte und führten zu zahlreichen technologi­schen Entwicklungen.
 
In der abschliessenden Diskussion sagte Hürlimann, dass sie das häufig hervorgebrachte Argument, seit jeher seien alle Teile des Tiers verwertet worden, nicht gelten lasse. Dies sei zwar richtig, jedoch hätten sich die Verwendungsformen vervielfacht, sie hätten gänzlich neue Industrien entstehen las­sen und der Grossschlachthof sei als Rohstofflieferant ins Zentrum gerückt. Auf die Kritik, weshalb die Abfallwirtschaft und Zwangsarbeit explizit als «faschistisch» betrachtet werden müssten, ent­gegnete Weber, dass die Abfallwirtschaft in der umfassenden NS-Forschung bisher völlig vernach­lässigt worden sei. Die Datenlage sei hier sehr gut, während sich die Reststoffökonomie häufig in informellen Sektoren abspielte und deshalb statistisch schlecht erfasst sei. Für den Emissionshan­del wurden Parallelen zur Parzellierung von Grundbesitz und die Bepreisung von Boden gezogen.



Panelübersicht:

Heike Weber: Kreislauf-Visionen der nationalsozialistischen Recycling-Politik: Das Beispiel der Lum­pen

Julian Schellong: Die Kommodifizierung von CO2. Politische Konstruktion von Knappheit im Kyoto-Protokoll

Gisela Hürlimann: Animalische Stoffe. Überlegungen zur Technik- und Wirtschaftsgeschichte des nutztierlichen Verwertungskomplexes in der Hochmoderne



Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts
tagen.

Event: 
6. Schweizerische Geschichtstage
Organised by: 
Schweizerische Gesellschaft für Geschichte und Université de Genève
Event Date: 
29.06.2022
Place: 
Genf
Language: 
d
Report type: 
Conference