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Panelbericht: Natureculture? Postkoloniale Perspektiven auf vormoderne Differenzsetzungen

Autor / Autorin des Berichts: 
Martin Roth
martin.roth@gmw.gess.ethz.ch
ETH Zürich

Citation: Roth, Martin: Panelbericht: Natureculture? Postkoloniale Perspektiven auf vormoderne Differenzsetzungen , infoclio.ch-Tagungsberichte, 12.09.2022. Online: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0261>, Stand: 03.12.2022.

Verantwortung: Isabelle Schürch / Jose Cáceres Mardones
Referierende: Daniel Allemann / Jose Cáceres Mardones / Isabelle Schürch
Kommentar: Anja Rathmann-Lutz

PDF-Version des Berichts

Einleitend erklärte ISABELLE SCHÜRCH (Bern), das Ziel des Panels «Naturecultre» sei, sich mit post­kolonialen Perspektiven auf vormoderne Differenzsetzungen von Natur und Kultur zu beschäftigen. Die Referierenden und die Kommentatorin ANJA RATHMANN-LUTZ (Basel) wollten das Thema nicht im üblichen Tagungsformat präsentieren, sondern es stattdessen in einem kontinuierlichen Dialog angehen. Ihr Panel war als «Reise in drei Schleifen» angelegt. Dieser Reise waren viele Treffen, Dis­kussionen, aktives Zuhören, Lektüreimpulse, Einsichten und gemeinsames Weiterdenken vorausge­gangen. Das Panel sollte letztlich nicht zu einem definierten Ende führen, sondern zu einer Einla­dung, sich mit den Panelistinnen und Panelisten auszutauschen.
 
Die erste Schleife war ein chronologischer Durchgang durch die Quellen. Anja Rathmann-Lutz prä­sentierte zuerst einen Wandelaltar aus Småland, Schweden, der auf das Jahr 1526 datiert wird. Auf der Predella des Altars ist der Heilige Georg dargestellt, der zu Pferd über einen eben besiegten, auf dem Rücken liegenden Drachen reitet. Gemäss Rathmann-Lutz tritt in der Legende des Heiligen Georg und der Heiligen Margareta der Drache als Inkarnation des Teufels auf und stellt eine Bedro­hung der christlichen Ordnung dar. Der Drache tauche erstmals im 12. Jahrhundert infolge neuer Fremdheitserfahrungen während der Kreuzzüge auf. Aus einer klassisch kunsthistorischen Betrach­tungsweise sei die Natur in diesem Bild klar von der Kultur abgetrennt. Die Berge und die üppige Vegetation würden einer Stadt und der betenden Jungfrau Margareta gegenübergestellt.

Anschliessend präsentierte Isabelle Schürch den aus zwölf Büchern bestehenden und unter der Lei­tung des spani­schen Missionars Bernardino de Sahagún zwischen 1547 und 1577 als kollektives Kom­pilationswerk in Nahuatl und Spa­nisch verfassten Codex Florentinus vor.1 Dieses einzigartige hybride Produkt präsentiert nicht nur die Sicht eines spa­nischen Missionars auf die Eroberung Neuspaniens durch Europäer, sondern versammelt auch die Stimmen von Nahuatl sprechenden Bildungseliten. Von besonderem Interesse für das Thema Na­tur/Kultur ist gemäss Schürch das elfte Buch der Historia General de las Cosas de la Nueva España, wie der Codex mit eigentlichem Namen heisst, das sich mit den «natürlichen Dingen» beschäftigt und dessen Prolog als Kontinuität zu christlichen Vorstellungen über die Natur als Schöpfungsgabe gelesen werden könne.

DANIEL ALLEMANN (Luzern) stellte die in spanisch verfasste Chronik El primer nueva corónica y buen gobierno (1615) von Felipe Guaman Poma de Ayala vor. Guaman Poma, Nachkomme einer andinen adligen Familie aus der Zeit vor dem Inkareich, richtete seine Chronik an den spanischen König. Sie sei zugleich eine Universalgeschichte Perus, eine Bittschrift und ein fragebogenartiger Bericht mit Daten und Fakten über die sogenannte «Neue Welt» mit Zügen eines Fürstenspiegels. Alleman er­klärte, dass sich gemäss dem britischen Historiker David Brading die Chronik Guaman Pomas inso­fern von zeitgenössischen spanischen Quellen unterscheidet, dass die Letzteren glaubten, die Men­schen hätten vor dem Inkareich im Naturzustand gelebt, während Guaman Poma davon ausging, dass sie im Einklang mit dem Naturrecht lebten.

JOSE CÁCERES MARDONES (Zürich) stellte das Werk Histórica relación del Reyno de Chile vor. 1640 vom Jesuiten Alonso de Ovalle verfasst, um in Europa Missionare für Chile zu rekrutieren, stelle es aus eurozentrischer Perspektive die Natur in Chile als Bühne zur Rekrutierung der lokalen Bevölke­rung und als Ressource dar, die von den Kolonialisten ausgenutzt werden konnte.
 
Jose Cáceres Mardones erklärte weiter, Forschende müssten ihre Standpunkte reflektieren, wenn sie sich mit postkolonialen Theorien beschäftigen – und eröffnete damit die zweite Schleife. Er be­gann mit seinem eigenen Standpunkt: In Chile in eine bäuerliche Familie geboren, hat Cáceres Mar­dones lange in der Schweiz gelebt und wohnt heute in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa. Beeinflusst wurde er auch durch künstlerische und aktivistische Tätigkeiten. Er betonte, dass es keinen Diskurs und keine Theorie der Dekolonialisierung ohne eine dekoloniale Praxis geben könne.

Daniel Allemann berichtete von seiner Ausbildung als Kulturwissenschaftler und von seiner Beschäf­tigung mit der Geschichte des politischen Denkens, in der Texte einander häufig gegenübergestellt werden. Die Chronik von Guaman Poma etwa sei in der Vergangenheit oft im Vergleich zu europäi­schen Texten gelesen worden, wobei die andine Seite jedoch meist ignoriert wurde. Die dritte Schleife anspielend, liess er vorerst die rhetorische Frage im Raum stehen, wie dieses Werk ganz­heitlich gelesen werden könnte.

Isabelle Schürch, als Mediävistin in Europa ausgebildet, erklärte anschliessend, dass sie ebenfalls bestenfalls dafür trainiert worden sei, christliche und antike Referenzen im von ihr vorgestellten Co­dex zu sehen. Doch sie frage sich, was sie aufgrund der Beschränkung durch diese Perspektive in den Quellen nicht sehen und erkennen könne.

Zum Schluss fragte Anja Rathmann-Lutz, ebenfalls Mediävistin sowie Kunst- und Kulturhistorikerin, die, wie sie selber sagt, vor diesem Panel noch nie mit postkolonialen Ansätzen gearbeitet hat, ob wir nicht die intellektuelle, politische und ethische Pflicht haben, uns mit Theorien wie der postkolonia­len oder queeren auseinanderzusetzen, da diese uns helfen könnten, unsere bisherigen Narrative zu durchbrechen.
 
In der dritten Schlaufe stellten sich die Panelistinnen und Panelisten die Frage, ob sie mit erweiter­ten Ansätzen Naturkonzeptionen jenseits der modernen Natur/Kultur-Differenzsetzung, die spätes­tens seit der Aufklärung die europäischen Diskurse dominiert, in ihrem Quellenmaterial entdecken können. Inspiriert durch Impulse aus der postkolonialen und queeren Theorie sowie den monster studies präsentierte Rathmann-Lutz nun eine neue Leseart des von ihr vorgestellten Wandelaltars. Die Verschmelzung von Monster, Pferd und Reiter, markiert durch deren Federschmuck, dem die Europäer bei der Kolonisierung Amerikas zum ersten Mal begegnet sind, diene als Manifestation des Neuen in der Alten Geschichte – und, zumindest angedeutet, als mögliche situative Auflösung der Natur/Kultur-Dualität.

Schürch präsentierte eine alternative Interpretation der Chronik Sahagúns. Zwar würden in weiten Teilen des Prologs des elften Buches die Leitdifferenz zwischen Körper und Seele festgelegt, doch an gewissen Stellen würden auch Vorstellungen durchscheinen, die im mesoamerkanischen Raum verbreitet waren: Für nahuatlsprachige Gesellschaften sei die Seelenfrage nicht die Leitdifferenz zwischen Mensch und Tier gewesen.2 Stattdessen hätten sie an eine von Menschen und Tieren geteilte Körperlichkeit in durch und durch beseelten Naturen ge­glaubt.

Gemäss Allemann hat Guaman Poma spanische Vorstellungen von Natur und Gesellschaft auf subtile Weise provinzialisiert. Zudem habe er indigene Vorstellungen in einen mit seinen spanischen Lesern geteilten Darstellungsraum eingefügt.

Zum Schluss zeigte Cáceres Mardones auf, wie de Ovalle in seinem Werk das Wissen der Mapuche abgestritten und abgewertet hat. Heute sei das indigene Wissen nur noch an wenigen Stellen sicht­bar. Die Kolonialisierung sei nicht nur eine militärische und politische Eroberung gewesen, ihre grundlegendste Dimension sei vielmehr eine ontologische. Gerade heute gebe es Tendenzen, Lösun­gen für die Probleme der Moderne in diesem indigenen Wissen zu suchen. Cáceres Mardones mahnte aber davor, dieses indigene Wissen zu essentialisieren und erneut epistemologisch auszubeuten.
 
Alle vier Panelistinnen und Panelisten haben aufgezeigt, wie wichtig es ist, die eigene Position und die Vorannahmen, mit denen wir an unsere Quellen herantreten, zu hinterfragen. Konkret sollen nicht nur die uns bereits bekannten eurozentrischen Analysekategorien auf Quellen angewandt werden, sondern wir sollten viel mehr mit einer Offenheit und Neugierde an die Quellen herantreten.

Das Publikum fasste das unkonventionelle Format des Panels durchweg positiv auf, auch wenn in der Fragerunde vor allem Verständnisfragen gestellt wurden und sich in der kurzen Zeit nicht die eingangs in Aussicht gestellte Diskussion über das Podium hinaus ergab. Alle Panelistinnen und Pa­nelisten fanden dieses neuartige Vorgehen auch für sie selbst sehr lehrreich. Mir scheint, dieses originelle Vorgehen könnte den Austausch zwischen Historikerinnen und Historikern stärken und eine neue Form des kollaborativen Arbeitens anbieten.


Dieser Bericht wurde am 12.9.2022 an den mit Fussnoten ausgewiesenen Passagen geändert. Die Präzisierungen ergeben sich aus einer nachträglichen Diskussion zwischen dem Autor und den Referierenden. Die erste Version des Berichts wurde am 19.7.2022 publiziert.
1 Wortlaut der Version vom 19.7.2022: «Anschliessend präsentierte Isabelle Schürch den aus zwölf Büchern bestehenden und vom spanischen Missionar Bernardino de Sahagún zwischen 1547 und 1577 in Nahuatl und Spanisch verfassten Codex Florentinus vor.»
2 Wortlaut der Version vom 19.7.2022: «Zwar würden in weiten Teilen des Prologs des elften Buches die Leitdifferenz zwischen Körper und Seele festgelegt, doch an gewissen Stellen würden auch Vorstellungen der Nahuatl durchscheinen: Für die Nahuatl sei die Seelenfrage nicht die Leitdifferenz zwischen Mensch und Tier gewesen.»



Panelübersicht:

Jose Cáceres Mardones: Berge, Flüsse und huacas. Eine andere Historizität der andinen Kolonial­geschichte
 
Daniel Allemann: Adam und Eva in den Anden: Guaman Pomas Geschichte der Menschheit
 
Isabelle Schürch: Nature Writes Back? Als die iberische «historia naturalis» auf andere Weltzu­gänge stiess (15.–16. Jh.)


Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts
tagen.

 

Event: 
6. Schweizerische Geschichtstage
Organised by: 
Schweizerische Gesellschaft für Geschichte und Université de Genève
Event Date: 
01.07.2022
Place: 
Genf
Language: 
d
Report type: 
Conference