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Panelbericht: Mensch-Natur-Beziehungen im Unterricht: Fachdidaktische Zugänge und konkrete Beispiele

Autor / Autorin des Berichts: 
Saadet Tuerkmen
saaturkmen@gmail.com


Citation: Tuerkmen, Saadet: Panelbericht: Mensch-Natur-Beziehungen im Unterricht: Fachdidaktische Zugänge und konkrete Beispiele, infoclio.ch-Tagungsberichte, 05.09.2022. Online: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0287>, Stand: 04.12.2022.

Verantwortung: Helene Mühlestein / Sabine Ziegler
Referierende: Marianne Landtwing Blaser / Sabine Ziegler / Florian Rohner / Regula Grob / Helene Mühlestein

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Die Interdisziplinarität in der Fachdidaktik hinsichtlich der Mensch-Natur-Beziehungen bildete das Kernthema des Panels. Fünf Referierende gingen auf die Frage ein, wie die interdisziplinäre Ver­knüpfung von Geographie und Geschichte im ausserschulischen RZG-Unterricht1 auf der Sekundar­stufe 1 und 2 gelingen kann, und welche fachdidaktischen Ansätze dafür geeignet sind. Anhand von Bildern und Karten illustrierten sie Wandlungsprozesse verschiedener Landschaften. Dabei vertra­ten sie übereinstimmend die These, dass die Interdisziplinarität im RZG-Unterricht sowohl Chancen als auch Herausforderungen in der multiperspektivischen Analyse der Mensch-Natur-Beziehungen mit sich bringt. Das Integrationsfach RZG verdeutliche somit nicht nur die Notwendigkeit des Zu­sammendenkens, sondern sei auch den Ansporn für die Theoriebildung, so die Panel-Verantwortli­chen in ihrer Eröffnung.
 
MARIANNE LANDTWING BLASER (Luzern) und SABINE ZIEGLER (Luzern) beschäftigten sich mit inter­disziplinären didaktischen Zugängen in Bezug auf den Zusammenhang von Naturrisiken und Wand­lungsprozessen am Beispiel der Region Grosses Moos. Anhand historischer Landkarten des swisstopo-Kartenviewers map.geo.admin.ch erörterte Landtwing verschiedene geographische Per­spektiven. Das Grosse Moos habe sich durch die beiden Juragewässerkorrekturen (am Bieler-, Mur­ten- und Neuenburgersee) in den Jahren 1886 und 1891 von einem Überschwemmungsgebiet zur landwirtschaftlichen Nutzfläche gewandelt. Trotzdem bestanden sumpfiges Gelände und Seuchen­gefahr, Missernten, Malaria und Kinderkrankheiten sowie Armut auch weiterhin fort, so die Referentin.

Anschliessend erläuterte Ziegler, wie diese Entwicklung den Schülerinnen und Schülern vermittelt wird: Seit 2004 wird eine Studienwoche mit Exkursion ins Grosse Moos dem praktischen Teil der RZG im ausserschulischen Unterricht zugrunde gelegt. Wandlungsprozesse seien mit einem fächerinteg­rierenden Vokabular zu didaktisieren, die dann darlegen, wann historisches oder geographisches Lernen stattfindet. Anlehnend ans Basiskonzept schlug die Referentin ein Modell vor, das Stoff- und Sachkonzepte mit Sinnkonzepten verbindet, und so eine sinnhafte, systematische Gesamtstruktur des Wissens darlegt. Dabei seien Sinnkonzepte, wie etwa die Ordnung der Dinge oder der Raum als Konstrukt, und Sachkonzepte, z.B. die Ökonomie, Soziales und Gesellschaft sowie Politik und Kultur gleichwertig zu betrachten und zu erschliessen. Somit solle RZG auch den Anforderungen der Bil­dungsnachhaltigen Entwicklung (BNE) gerecht werden. Dieses Modell habe den Struktur-Funktion-Prozess gebündelt und den Wandel auf drei Ebenen gezeigt: erstens hinsichtlich der Struktur, etwa den Wandel im Verständnis von bzw. das Verhältnis zur Natur oder konkret wie z.B. die Meliorationen auf die Landschaft wirken oder wie die Menschen Naturkatastrophen verstehen und Narrationen darüber entwickeln; zweitens in Bezug auf die Funktion, d.h. den Wandel in politischen und sozialen Systemen, z.B. die Motivierung bzw. das Forcieren von Binnenmigration; drittens hinsichtlich Pro­zessen wie dem Bevölkerungswachstum, der Industrialisierung oder der Technologisierung. Daraus schlussfolgerten die beiden Referentinnen, Geographie und Geschichte seien zwar durch das Modell des Basiskonzepts zu verbinden, sodass der integrative Unterricht fruchtbar gemacht werden kann. Das Modell sei jedoch womöglich nicht für alle Themen geeignet.
 
FLORIAN ROHNER (Zürich) erörterte in seinem Beitrag die Wechselwirkung zwischen Umwelt- und Industriegeschichte einerseits und dem Struktur- und Landschaftswandel andererseits am Beispiel des Gaswerks Schlieren und der Limmat. Die zentralen Fragen waren dabei, wozu und wie Land­schaftswandel und Umweltgeschichte für den Geschichtsunterricht anschaulich gemacht werden können und welche Herausforderungen und konzeptuellen Antworten sich daraus ergeben. Im ersten Teil der Präsentation ging Rohner auf die vom Menschen verursachten Veränderungen an der Limmat ein und zeigte, wie die Limmat als Lebensader (Transport, Fischfang usw.) und als Gefahren­quelle die Entwicklung der seit dem Mittelalter bestehenden Gemeinde Schlieren geprägt hat.

Im zweiten Teil beschäftigte er sich mit dem historischen Längsschnitt und einer umweltgeschicht­li­chen Periodisierung. Anhand eines Vergleichs von Bildmaterial aus mehreren Zeitabschnitten zwi­schen den 1800er Jahren und 2020 zeichnete Rohner den Landschaftswandel in seiner kontinuierli­chen Entwicklung nach. So würden die Entwicklung der industriellen und postindustriellen Raumnut­zung, die fortlaufende Ausprägung der Konsumgesellschaft sowie Veränderungen im ökologischen Zeitalter in der Gegend sichtbar. In der industriellen Phase hätten Korrekturen der Limmat, der Bau der Bahnlinie Baden-Zürich im ausgehenden 19. Jahrhundert sowie Umnutzungen des Landes zur Wandlung Schlierens von einer bäuerlichen Gemeinde in eine urbane Kleinstadt geführt. Die postin­dustrielle Raumnutzung (Forschung, Dienstleistungen, Freizeit) war hingegen das Ergebnis der Schliessung namhafter Unternehmen, wie des Gaswerks und der Waggons- und Aufzugsfabrik Schlierens ab Ende des 20. Jahrhunderts. Daraus habe eine Umnutzung von Räumen resultiert, die dann diese Prozesse mit örtlichen und menschlichen Aspekten in Verbindung brachte, etwa für Kunstausstellungen, als Wohnräume oder als Konzertareal für protestierende Rapperinnen und Rap­per. Dabei seien diese Räume auch auf einer diskursiven Ebene umgedeutet worden.

Rohner führte weiter aus, dass eine mit Schülerinnen und Schülern durgeführte Arbeitsexkursion eine Auseinandersetzung in vier Themenbereichen ermöglichte: Wohnen: Wer wohnt aus welchen Gründen auf den stillgelegten Industriearealen? Arbeiten: Welche Arbeiten werden heute dort ausge­übt? Energie: Welche Ressourcen werden verwendet? Mit welchen Folgen? Und Wandel: Was hat die­ser Wandel bewirkt? Eine soziokulturelle Hierarchisierung? Rohner resümierte, Industriestandorte seien als mögliche «Transferorte» zu denken, die bei der Entwicklung eines neuen Bewusstseins und neuer Handlungskompetenzen für aktuelle Umweltthemen von Bedeutung sind – und so für fä­cherintegrierende RZG relevant sind und auch den Prämissen der BNE entsprechen.
 
REGULA GROB (St. Gallen) und HELENE MÜHLESTEIN (St. Gallen) referierten anschliessend über die Bedeutung historischer Kartenwerke für den integrativen RZG-Unterricht und die Entschlüsselung der Mensch-Umwelt-Beziehungen in historischen Karten. Am Beispiel des Rheintals zeigten sie auf, wie sich die physisch-geographische und die soziopolitische Struktur der Region im Laufe der Zeit massiv ver­änderte, welche technischen Umsetzungen in den historischen Karten nachzuverfolgen sind und inwiefern der Blick des Menschen auf die Welt in diesen Prozessen erkennbar ist. Die Refe­rentinnen führten in die Geschichte des Fachs Geographie ein: Der primär länderkundliche Ansatz sei neben physisch-geographischen Themen im Bereich der Geomorphologie und ganz besonders in der Gletscherkunde bis zur Bildung von Nationalstaaten im 19. Jahrhundert zentral gewesen. In den Nachkriegsjahren sei der wirtschaftliche Aspekt wichtiger und die Veränderungen in der Gesell­schaft etappenweise in den Geographieunterricht eingeführt worden. Primäre Ziele seien dabei nicht nur Wissen und Verstehen, sondern auch die Vermittlung von Qualifikationen und Handlungs­weisen im Schulwesen. Im Lehrplan 21 sind regional-geographische und physisch-geographische Aspekte verknüpft, um Landschaften aus den genannten Perspektiven zu beleuchten. In diesem Zu­sammenhang müsse die Bedeutung des Schulfaches Geographie für ein vertieftes Verständnis des Systems Erde, seinen Grenzen und, damit einhergehend, für die Bemühungen um eine nachhaltigere Entwicklung der sozialen und öko­nomischen Systeme diskutiert werden.

Die Referentinnen präsentierten anschliessend ein Dreisäulenmodell, das in drei Ansätze physisch- und humangeographische Aspekte verbindet, und dabei Bezüge zu RZG herstellt: Zum einen sen­si­bilisiere der Schlüsselproblem-Ansatz, in dem Räume unter ausgesuchten Gesichtspunkten be­trach­tet und Schlüsselprobleme an Fallbeispielen illustriert werden, für aktuelle und zukünftige Probleme, etwa Umweltprobleme, den Klimawandel oder gesellschaftliche Umgangsformen. Zur Ver­anschauli­chung solcher Schlüsselprobleme und entsprechender Lösungsansätze auf lokaler und in­ternatio­naler Ebene zeigten sie topographische Karten des Rheintals aus dem 19. Jahrhundert, mit denen z.B. Überschwemmungen, Eindämmung von Flussverlagerungen oder die internationale Rheinregu­lierung durch den Staatsvertrag von 1892 zurückverfolgt werden können. So seien topo­graphische Karten historische Quellen, die nicht nur Landschaftsveränderungen visualisieren, son­dern auch das Historizitätsbewusstsein der Schülerinnen und Schülern fördert. Im Weiteren würden vielgestaltige Räume analysiert und zugleich das Verantwortungsbewusstsein der Schülerinnen und Schüler für lokale und globale Verhältnisse gestärkt – beides Bestandteile der gegenwärtigen Bil­dungskonzepte. Über den Nachhaltigkeitsdreiecks-Ansatz, dem eine ökonomische, ökologische und soziale Dimen­sion inhärent sind, werde zudem vermittelt, dass die Gesellschaft und die Wirtschaft zur Entwicklung beitragen müssten, ohne die Umwelt zu zerstören, was auch dem Lehrplan 21 ent­spricht. Und schliesslich rückten durch den Doughnut-of-Social-and-Planetary-Boundaries-Ansatz die planetari­schen Belastungsgrenzen und die «Schaffung von Sicherheit und Gerechtigkeit für die Menschheit» in den Fokus, sodass die historischen und politischen Aspekte in den RZG-Unterricht einfliessen. Grob und Mühlestein schlussfolgerten schliesslich, dass das Integrationsfach RZG ein Entwicklungs­potential birgt, wobei topographische Karten als Werkzeuge funktionierten, da mit ihnen Einflüsse der Umwelt auf die Lebensweise von Gesellschaften sowie strukturgeschichtliche Ursachen der ge­sellschaftlichen Naturwahrnehmung sichtbar gemacht werden können.
 
Die Referierenden haben die Chancen und Herausforderungen der Interdisziplinarität am Bei­spiel des RZG-Unterrichts für die Sekundarstufen 1 und 2 aus ihrer Perspektiven erläutert und auf­gezeigt, dass die Interdisziplinarität für eine nachhaltige Bildung unumgänglich ist. Ausgehend von den neuen Anforderungen der BNE haben sie anwendbare theoretische und praktische Konzepte prä­sentiert, die für aussenschulisches Lernen relevant sind. So stellt sich schliesslich auch die Frage nach einer Weiterentwicklung dieser Konzepte für den akademischen Unterricht: Lassen sich die vorgestellten Modelle auch ins Geschichts- und Geographiestudium integrieren? Eine Frage, die wohl vorerst noch offenbleibt.


Anmerkungen

1 In der Fachdidaktik steht die Abkürzung RZG für das Integrationsfach «Räume, Zeiten, Gesellschaften», das mit dem Lehrplan 21 drei zusammengeführte Kompetenzbereiche erschliesst.


 
Panelübersicht:

Marianne Landtwing Blaser / Sabine Ziegler: Naturrisiken gestern – heute - morgen im ausserschulischen Lernen: Das Grosse Moos
 
Florian Rohner: Struktur- und Landschaftswandel am Beispiel Schlier n im ausserschulischen Lernen
 
Regula Grob / Helene Mühlestein: Mensch-Naturbeziehungen im historischen Karten entschlüsseln. Die Rheinkorrektion als Beispiel für integrativen Geschichtsunterricht auf der Sekundarstufe I



Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts
tagen.

Event: 
6. Schweizerische Geschichtstage
Organised by: 
Schweizerische Gesellschaft für Geschichte und Université de Genève
Event Date: 
30.06.2022
Place: 
Genf
Language: 
d
Report type: 
Conference