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Panelbericht: Capitalizing Nature. Animals and the Creation of Value

Autor / Autorin des Berichts: 
Jacqueline Maurer
jacqueline.maurer@uzh.ch
Universität Zürich

Citation: Maurer, Jacqueline: Panelbericht: Capitalizing Nature. Animals and the Creation of Value, infoclio.ch-Tagungsberichte, 07.07.2022. Online: <https://www.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0243>, Stand: 03.12.2022.

Verantwortung: Lou Jacquemet
Referierende: Pedro Cardeira / Annika Dörner / Lou Jacquemet
Kommentar: Eva Brugger

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Wie exotische Tiere vom 19. bis ins 20. Jahrhundert im Westen in profitable Waren verwandelt und als ökonomisches, soziales, kulturelles und symbolisches Kapital genutzt wurden, thematisierten die drei Vorträge des Panels «Capitalizing Nature». Unter Einbezug von Quellen wie administrativen Dokumenten, Zeitungsartikeln, Werbeillustrationen oder Tagebüchern machten die Referierenden deutlich, welche vielfachen Beziehungen zwischen den verschiedenen Teilen der Welt, Kolonialherrschaften und Beherrschten, Menschen und Tieren, Wissenschaft und Spektakel sowie Wahrneh­mung und Werbesprache bestanden.
 
PEDRO CARDEIRA (Genf/Lissabon) eröffnete das Panel mit seinem Referat über die administrative und personelle Organisation, die für das Einfangen der Tiere in der portugiesischen Kolonie Guinea-Bissau eingerichtet wurde, um sie bis 1974, dem Ende der Diktatur und des Kolonialreichs, in den Lissaboner Zoo zu bringen. Dieser 1884 eröffnete private Tiergarten, der von der Staatsadministration profitierte, gehörte zu jenen repräsentativen Institutionen, in denen sich die Kolonialmacht aus­stellte. 1944 startete die portugiesische Regierung ihre zoologische Mission in ihren Kolonien. Gui­nea-Bissau, das seit dem 15. Jahrhundert unter portugiesischer Herrschaft war, wurde 1946–1947 für wissenschaftliche Missionen «wiederentdeckt», die, wie schon im 19. Jahrhundert, von Portugal be­nutzt wurden, um die Vormachtstellung zu erhalten. Obwohl der Zoo in Privatbesitz war, wurden in den 1950ern die meisten Tierfangaktionen durch den portugiesischen Staat verordnet. Dies führte gemäss Cardeira zur «mobilization of the administrative hierarchy» in Guinea-Bissau. Konkret be­deutete dies, dass der dort stationierte Gouverneur jeweils eine sehr allgemeine bis ganz spezifische Tieranfrage aus Portugal erhielt und anschliessend die unteren Hierarchiestufen mobilisierte, na­mentlich das Gouverneursbüro, die Zivilverwaltung, die landwirtschaftlichen und veterinären Dienste sowie andere Büros, etwa Bildungsinstitutionen. Einige eingefangene Tiere starben vor Ort und ver­loren so ihren Wert, da zwar ein Verwaltungsapparat für ihre Besorgung vorhanden war, jedoch keine Ein­richtungen, um sie bis zum Abtransport artgerecht zu halten und zu pflegen. Cardeira legte seinen letzten Fokus auf die Tatsache, dass Afrikaner als Informanten ausgenutzt und aufgrund ihrer loka­len Beziehungen sowie ihrer Expertise im Jagen manipuliert und instrumentalisiert wurden, um nicht nur Jagderfolge zu erzielen, sondern den Erhalt der Kolonialherrschaft zu sichern.
 
ANNIKA DÖRNER (Gotha, Erfurt) präsentierte anhand einer Fallstudie ihrer Doktorarbeit, wie sich in der Giraffe Gerry, die um 1900 zum vierfachen Normalpreis vom Frankfurter Zoo angekauft wurde, ökonomischer, symbolischer und emotionaler Wert sowie sogenannter «encounter value» (Donna Haraway) vereinten und so den das Zoobudget sprengenden Ankauf vielfach lohnend machten. Dörner legte anschaulich dar, wie der für die bekannte Hamburger Handelsfirma Carl Hagenbeck tätige Tierhändler Joseph Menges es zustande brachte, das Giraffenbaby vom Jagdgebiet bis nach Frank­furt am Main zu überführen. Der hohe Preis ergab sich aufgrund einer «Assemblage» (Bruno Latour) von Menschen, Tieren und Dingen: Dazu zählten etwa afrikanische Jäger mit ihren kostbaren Pferden und Waffen im Jagdgebiet, dem Giraffenbaby Milch gebende Ziegen in Camps, Männer und Seile in Wüstenkarawanen oder Boots- und Zugfahrten auf dem weiteren Transportweg. Ausserdem war der Preis gestiegen, weil zuvor der Nachschub dieser Zootiere – die aufgrund schlechter Haltung reihum starben und nur zwei Giraffen in Berlin überleben liessen – durch den fast zwanzigjährigen Mahdi-Krieg am Horn von Afrika unterbrochen war. Das Giraffenbaby Gerry bewährte sich in Frankfurt als mehrfache wertvolle Kapitalanlage: Es brachte dem Frankfurter Zoo Eintrittsgelder und einen sich auf die ganze Stadt auswirkenden guten Ruf, es ermöglichte als «lively commodity» (Haraway, Ros­mary Collard) die Begegnung zwischen Mensch und individuellem, lebendigem Tier und sorgte nach dessen Tod gar für eine Todesanzeige in der Zeitung. Der Fall «Gerry», so die Referentin, veran­schauliche die Verflechtungen von Afrika und Europa innerhalb eines globalen Tierhandels genauso wie jene zwischen Menschen und Tieren.
 
LOU JACQUEMET (Genf/Berlin) widmete ihren Beitrag der mehrfachen Kommodifizierung von exotischen Tieren in Genfer Menagerien des 19. Jahrhunderts. Da Tiere keine Texte produzieren und Me­nagerien aufgrund ihres Umherwanderns keine administrativen Dokumente hinterlassen haben, so Jacquemet, arbeitete sie hauptsächlich mit Zeitungsartikeln sowie Quellen aus Stadtverwaltung und Museen. Sie stellte eingangs fest, dass Menagerien, wie sie sich durch die Industrialisierung und den technischen Fortschritt entwickelten, im Wesentlichen kommerzielle Aktivitäten waren, in denen exotische Tiere die Kreativität der Betreiber antrieben. Letztere verdinglichten die Tiere auf mehre­ren Ebenen, um sie zu profitablen Marktwaren zu machen. Deren Originalität und Neuheit wurden durch übertriebene Versprechen und eine aussagekräftige Ikonographie beworben. Besprechungen wiederum wandelten sich von beinahe naturwissenschaftlichen Berichterstattungen zu dramati­schen Beschreibungen, als sich die Ausstellungen zu sensationellen Shows entwickelten. Die Refe­rentin legte dar, wie die Ausgaben der Veranstalter durch eine «exponential profitability» kompen­siert worden seien. So wurden eigene Einzeltiere mehrmals und in unterschiedlichen Formen «ver­kauft», etwa wenn Besuchende wiederholt der Show beiwohnten oder Tiere vermietet wurden. Zum mehrfach profitablen Verkauf und dadurch dem Erhalt des Marktwerts kam es, wenn tote Tiere oder Teile davon an Meistbietende gingen, für Forschungs- und Bildungszwecke zirkulierten oder als prä­parierte Exemplare in Museen ausgestellt wurden. Demzufolge habe sich die Menagerie als kommer­zielles Unternehmen erwiesen, das sich durch Innovation aufrechterhielt, was einer ständigen An­passung an die Bedürfnisse des Marktes gleichkam.
 
In der Diskussion – angeregt durch diverse Fragen der Kommentatorin EVA BRUGGER (Zürich) und jene aus dem Publikum – wurde unter anderem die Individualisierung von Tieren durch die Namensgebung vertieft. Das Giraffenbaby sei erst nach dem Verkauf «Gerry» genannt worden, erklärte An­nika Dörner, um durch eine Art Anthropomorphisierung das Erleben einer persönlichen Begegnung zwischen Besuchenden und individualisiertem Tier zu vermarkten. Dörner erinnerte an das ver­gleichbare Phänomen von Eisbär Knut, der in den Nullerjahren durch die Bemühungen des Berliner Zoos Berühmtheit erlangt hat. Lou Jacquemet berichtete, dass Menagerien anfangs aus ausgestopf­ten Tieren bestanden, dann zur Präsentation lebendiger Tiere und deren Diversifikation übergingen. Namen seien den menschenähnlicheren Tieren, etwa Affen, gegeben worden, was für die Kapitali­sierung förderlich gewesen sein könnte. Dörner und Jacquemet betonten beide die langjährige schlechte und lebensbedrohliche Haltung der Tiere, insbesondere durch falsches Futter und indem Bier gege­ben wurde. Schliesslich ging Pedro Cardeira in der Diskussion auf das veränderte Profil des Lissabo­ner Zoos ein: Während der Zoo bis 1974 eine Hauptstätte darstellte, in der einem urbanen, mittel­ständischen Publikum die Idee des Exotismus verkauft und der Kolonialismus vermittelt wurde, prä­sentiere sich der Zoo heute als Ort, der die Tierwelt beschütze. Das ehemalige koloniale Jagdterri­torium in Guinea-Bissau sei entsprechend in ein Naturreservat übergegangen, weil dem Aspekt des Tierschutzes, so vermutete Cardeira, mehr Bedeutung zugesprochen werde.

Alle drei Beiträge demonstrierten auf der Mikro- wie auf der Makroebene die lokal bis global aufgebauten und wirksam gemachten Beziehungs- und Handelsnetze, um fremdländische Tiere auf un­terschiedlichen Ebenen zu profitablen, diversifizierten Kapitalanlagen zu transformieren, dies oft über den Tod der zumeist doch namenlosen Tiere hinaus.
 
 


Panelübersicht:

Pedro Cerdeira: «Thus far, the following animals have been captured». Collecting Colonial Fauna in Guinea-Bissau for the Lisbon Zoo

Annika Dörner: Capitalizing on Gerry. Giraffes as Lively Commodities in the Global Animal Trade around 1900, a Case Study

Lou Jacquemet: «He bought some curious animals and money was raining». Reification of Animals in Traveling Menageries in 19th century Geneva


 
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts
tagen.

Event: 
6. Schweizerische Geschichtstage
Organised by: 
Schweizerische Gesellschaft für Geschichte und Université de Genève
Event Date: 
29.06.2022
Place: 
Genf
Language: 
d
Report type: 
Conference